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Ronald zischte Luft durch seine Zähne und hielt sich diestummeligen Finger an sein blutiges Knie. Tiefrote Schrammen zogensich über seine Haut, glitzerten klar durch die aufgerissenen Lückenin seiner schäbigen Jeans. Der Teenager mochte kaum 16 sein und warirgendwo in der Pubertät stehen geblieben. Er tat gern auf tough undaggressiv, aber seine Schweinchennase und die andauernd rötlichanlaufenden Pausbäckchen verrieten ihn jedes Mal fröhlich an jeden,der es auch nur den kürzesten Blick in sein Sonnensprossengesichtwarf. Die Wunden waren nicht tief und Ronald hatte schon immer gern mehrzum Jammern gehabt als die Situation wert war und so grummelte erüber sein Knie, die Welt und den kalten Stein auf dem er saß, aberin erster Linie und mit Feuereifer dazu, grummelte er einfach. An der gegenüberliegenden Wand liefen einige Schatten imGänsemarsch hintereinander her, eine der vielen Märsche besitzloserAbbilder in Victoria. Der erste Schatten hatte ein weit nach untengezogenes Kinn und ein hohen Zylinderhut, während seine Verfolgerbeide Bowler trugen und sich auch ansonsten sehr ähnlich waren. Wennihre ehemaligen Besitzer sich unterschieden hatten, dann waren ihrebesonderen Merkmale wenigstens im Profil nicht ersichtlich gewesen.Ronald machte es wahnsinnig. Sekunde für Sekunde bewegten sie sichauf und ab, bewegten sich voran ohne sich wirklich jemals zu bewegen. Sie verspotteten ihn! Sieh uns an, Ronald, wenigstens laufen wir!Und was machst du da unten? Wenigstens war er kein Schatten. Er war kein jämmerlichesBeispiel für eine gescheiterte Persönlichkeit. Bestimmt waren sieheulend zugrunde gegangen. Heulsusen! Seine Sonnensprossen bewegten sich unförmig als er seine Zähnein einem ekelhaften Grinsen zeigte und seine Schweinsäugleinfunkelten boshaft in Richtung der Wand, der er sich mit einemwachsenden Gefühl überlegen fühlte. Ein metallischer Ton hatte sich mittlerweile leise in dieansonsten stumme Atmosphäre gestohlen. Was erst wie eineMundharmonika klang, schien mehr ein entferntes Pfeifen zu sein.Schwere Schritte haltend in gähnend langen Abständen über denStein zu ihm herüber, immer verfolgt von ihrer Begleitmusik. Ronaldschaute nach Rechts in die Dunkelheit und versuchte etwasauszumachen, aber in der Schwärze zwischen den Laternen war Nichtsauszumachen.


Diese Stelle der Stadt war notorisch bekannt für "Serienkiller",Männer und Frauen, die nicht verstanden, dass der Tod keinedauerhafte Sache in Victoria war. Natürlich tat es weh und irgendwiewar es auch unangenehm wiederholt abgestochen zu werden, aber eshatte irgendwo nicht den gleichen Effekt, wenn das Opfer nach einpaar Stunden wieder aufstand und weitermachte als wäre nie irgendwaspassiert. Manche Menschen verstanden dies nicht und versuchten eseinfach trotzdem – mit entsprechend ernüchterndem Ergebnis. FürRonald bedeutete das gleichsam auch keine Angst mehr, sondern nur,dass er eine weitere Quelle für seine Grummelei gefunden hatte. Die pfeifende Gestalt war ein überraschend schrankartig gebauterMann. Sein Übermantel bestand aus verwaschenem Leder und der Kragenwar so hoch, dass er ihm bis knapp über die Ohrläppchen reichte.Unter dem Zylinderhut ragten breite, hellbraune Haarspitzen herausund ein dichter Backenbart bedeckte beide Seiten seines Gesichtes.Hinter den dicken, runden Brillengläser waren keine Augen zuerkennen. Eine vielleicht fünf Zentimeter breite Schärpe lag überHemd und Weste an der etliche Ösen befestigt waren. Währen mancheder Ösen mit kleinen Phiolen gefüllt waren, in denen wiederum einepurpurne Flüssigkeit herumschwappte, hing auf Hufthöhe ein rotesNadelkissen mit mehreren blitzenden Nadeln. Seine Füße hingegensteckten in fettigen Lederstiefeln mit hohen Krempen, komplettverklebt mit Erde und Schlamm. Er bewegte sich geschmeidig wie einTänzer und einen Körperbau und das Aussehen als hätte das tapfereSchneiderlein beschlossen, dass er nach den ersten Sieben noch sieben7 Männer hatte massakrieren müssen. Seine Gesichtszüge aber warensanft, fast angenehm vertrauenserweckend – und damit in einerdunklen Gasse verstörend. Der Mann bewegte sich langsam, selbstgegen seinen ausdrücklichen, unausgesprochenen Wunsch weiter, bis erknapp diagonal von ihm stand. Sein Kopf drehte sich, das Grinsen tiefverschweißt in sein Anlitz und aus seinen Spiegelgläsern starrteRonald ein ängstliches Kind entgegen. Ein unangenehmes Gefühlbreitete sich in seinem Magen aus und er fühlte sich als würdegerade etwas unglaublich Seltsames im Irrenhaus vonstatten gehen.Nicht der Kram, wo Einer mit seiner Scheiße warf, kein plötzlicherAnfall herausgefordert dadurch, dass der sabbernde Kittelträger mitDachschaden mehr Aufmerksamkeit bekam, sondern die Art von seltsam,wo die Desillusionierten stoppten und neugierig horchten. Ein Pfeifen erfüllte die Straße und Ronald musste erstbegreifen, dass tatsächlich irgendwergerade pfiff. Er konnte seinen Augen kaum trauen, aber derZylinderkopf hinter dem Fremden bewegte seinen Mund zur Musik und miteinigem Schock zuckte sein Kopf weiter, als seine Schattenfreunde ihre Münder wie in einem Schattenspiel aufrissen und ihren Anführerzu begleiten schienen. Ronald konnte dennoch nicht ausmachen, woherder Ton genau kam, wirkte er doch wie vom Wind hergetragen und ausdem Mund der Schatten zugleich und doch konnte er sich nicht von demZweifel lossagen, dass sie eigentlich von IHM kamen. „Ich sehe du brauchst etwas Trostdenn...“ begann der Singsang einer angenehmen Stimme und dochbrachte die Plötzlichkeit zum Zusammenzucken „...du hast dir dasKnie aufgekratzt“. Der Fremde ging vor ihm auf beide Knie, dieHände auf seinen Oberschenkeln ruhend. „Wahrscheinlich hast dudich gestoßen, na wer wird denn gleich weinen, mein Schatz?“. DieStimmen im Hintergrund begleiteten den Gesang synchron und stimmtendann in eine gemeinsame Strophe ein „Denn in entscheidendenMomenten, hab ich stets Nadel und Faden dabei.“ Ronalds Augenweiteten sich, als die Zähne des Fremden und die so plötzlich inseiner Hand auftauchende Spitze der Nadel gleichzeitig aufblitzten„Das werden wir gleich haben, das wächst wieder zusamm'. Das lässtsich schon näh'n, schon so gut wie gescheeeeeeeehen.“, sang dieStimme des Zylinderkopfes vor und seine Begleiter folgten imfröhlichen Ton. Ronald beließ seinen Blick auf dem Mann und schobsich langsam an der Wand entlang gen Ecke, aber der Fremde holte ausund bewegte sich weiter auf ihn zu, den Arm zwischen der Freiheit undihm und überwältigte ihn mit der anderen Hand mühelos. Ronaldschlug um und kniff die Augen zusammen, aber sein Arm fand sichschnell in seinem schraubstockartigen Griff und sein Herz pumpte zusehr als das er die missliche Situation nicht beobachten könnte. Ertrat dem Mann hilflos mehrfach gegen den Brustkorb, der in dem Mannnicht viel mehr als einen Wechsel von abartigen Grinsen zuschmallippiger Determination auszulösen schien und als er sich nachoben drückte, drückte er ihn mit der anderen Hand auf seiner wieder herunter, die Nadel gefährlich nah an seinem aufgerissenen,erschrocken zuckenden linken Auge. Währenddessen sang der Chorharmonisch weiter und übertönte seine verzweifelten Hilferufemühelos. Im Gänseschritt bewegte er weiter zu Ronald hin und knietesich über ihn. Er presste ihm die Hand auf den Mund,quetschte sein Gesicht mühelos dazwischen ein. Seine Hand roch nachHolzstaub und Meer. Und Eisen, ein Geruch von dem ihm schlecht wurde.Ronald schrie als er die Nadel in sein Fleisch eindringen. Ronaldversuchte den Arm mit beiden Händen von seinem Gesicht zu ziehen undtrat weiter, sein Kopf längst puterrot angelaufen. Aber der Fremdedrückte seinen Kopf nur gegen die raue Steinwand und arrangierteseinen Arm neu. Ronald schaute direkt in die dicken Gläser undschämte sich über seine eigenen, gequälten Gesichtszüge. Genug,um am oberen Rand nicht die tiefblauen Augen zu sehen, die intensivzurückstarrten. „Ich muss mich vielleichtkorrigieren“, trällerte die Hauptstimme über das Pochen seinesHerzens hinweg „die Wunde wird nicht gut verheilen“. SeineBegleiter gaben einen traurigen Hintergrundton von sich, sangen dannaber fröhlich weiter, während Ronald schwächelnd gegen den Arm inseinem Blickfeld schlug. Es schmerzte kaum noch, nicht mehr seit derMann angefangen hatte. Er versuchte zu röcheln, aber ihm blieb nurdas Drücken seiner leeren Lungen gegen seine Rippen, alles begleitetvon Bariton und Bass. Seine Augen flickerten etwas und er presste einAuge zusammen, um die entstehenden Nachteile auszugleicben. RonaldsArme gaben ganz von allein mit ihren verschwendeten Versuchen wiederauf. Er fühlte sich beschämt und ängstlich, er wollte nur, dass esvorbei ging, dass der Spott auf seine Kosten aufhörte. „Fang malnicht an zu weinen und schau nicht so geknickt“ ermutigte ihn derChor und die Lippen des Fremden fielen herab in eine ernste Pose.„Ich wollte doch nur hilfreich sein“, erscholl es im Hintergrundgleichgültig. Der Fremde bewegte den Mittelfinger an die untereSeite seiner Gläser, die Nadel zwischen Daumen und Zeigefingereingeklemmt, und schob die runde Brille wieder in Position. Die Nadelschwebte bedrohlich zwischen ihren Köpfen herum, als die Schattenverstummten und die letzte Strophe ihres seltsamen Liedes mit dergleichen Stimme und Geschmeidigkeit aus den Lippen des Fremden floss. "Ich kann Kinder nicht bluten sehen...". Der Mann fand sein sadistisches Grinsen wieder und die Schweinsäuglein des kleinen puterroten Ronald in den Spiegelgläsern leuchteten vor erschrockener Erkenntnis auf. Plötzlich wünschte er sich doch ohnmächtig zu werden, um was folgte nicht mitansehen zu müssen. Der Fremde war bereit zumindest eines davon freimütig zu liefern.

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