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Menschlichkeit. Julia humpelte durch dunklen Gassen zwischen den Hauptstraßen. Schritt für Schritt bebte ihr ganzer Körper, warf ihren Körper von Seite zu Seite. Es durfte nicht nach viel aussehen, nur wie ein Zittern der Wahnsinnigen am Bedlam, bevor sie es nach Southwark verlagert hatten. Aber für sie war jedes Mal eine kleine Erschütterung, ein kleiner Ausrutscher ihrer kaum geordneten Gedanken. "Wir sind alle aus Lehm.", flüsterte eine heisere Stimme "Ton ist Lehm. Lehm ist Ton.". Julias hagerer Körper kam wackelnd zum Stehen und ihre Augen schweiften unruhig über den Weg, den sie gekommen waren. Ihre Augen glichen blassen, alten Glaskugeln, deren Inhalt weiß und schlierenhaft geworden war. Sie war nicht blind, aber sie vergaß so schnell, dass es Einerlei war. Keine Augen und kein Sinn. Nur Julia in der Gasse und die benebelte Sicht auf die schwachen Lichter der nahen schwarzen Straßenlaternen. Und der Schatten an der Wand. Julia zog die dünne Decke fester um ihre Schultern. Ein Reflex, denn sie fühlte schon lange keine Kälte mehr. Sie fühlte schon lange gar nichts mehr. Ihre Füße setzten sich ohne ihr Bewusstsein wieder in Gang und als ihr endlich bewusst wurde was sie tat, war sie bereits aus der Gasse herausgetreten und über den ungeordneten Pflasterstein der Hauptstraße gehumpelt . Gesichter tauchten in ihrem Kopf auf und verschwanden wieder. Ein Mann mit ausladenem Schnäuzer und Zylinder starrte sie ausdruckslos an, eine Frau im Kleid und Schönheitsfleck im schwer geschminkten Gesicht rümpfte die Nase. Zwei Männer mit weißem Kragen schauten voll Sorge, aber kein Gesicht begleitete sie vom blendenden Licht der Straßenlaternen weg. Menschlichkeit. Das Wort quoll wieder in ihrem Inneren auf. Eine Phrase bestimmt. Sicher ein Wort der Schreier auf den Bananenkisten. Vielleicht eine Warnung. Menschlichkeit. Julia fühlte, dass sie das Wort kennen musste, aber wenn sie versuchte sich drauf zu konzentrieren, flog ein Teil ihres Verstandes davon und wenn sie diesen verfolgte, war der nächste bei ihrer Rückkehr schon verschwunden. Alles verschwand vor ihren Augen. Namen. Erinnerungen. Gesichter. Menschen. Nur ihr Schatten blieb und verfolgte sie durch enge Gassen, zwielichtige Seitenstraßen, ja selbst hoch auf die Dächer. Die Dächer. Ihre Glaskugelartigen Augen schauten nach oben in den immerschwarzen Himmel ohne etwas auszumachen. Victoria wirkte wie in eine Höhle gebaut. Unter Tage oder im All. Keine Sonne, keine Sterne und...ein leichtes Funkeln spiegelte sich in ihren Augen wieder und ihr Mund klappte kaum merklich, aber doch willkürlich genug auf, dass ein Gefühl von milder Überraschung sich dort ausbreitete, wo schon eine lange Zeit kein Gefühl mehr gefühlt worden war. Zitternd löste sie einen dürren Arm von den Zipfeln ihrer umschlungenen Decke und streckte es in den Himmel. Mit wachsender Ehrfurcht hoben sich verkrümmte Finger, bis sie vor ihren Augen zu sehen waren. Wie ein Kind beim ersten Erleben seiner Umwelt, wie ein Baby wenn es die Augen zum ersten Mal vorsichtig öffnete und in die glücklichen Augen ihrer Mutter sah, nicht einen Deut geringer waren ihre Erwartungen. "Hoffnung...", bestimmte sie glücklich, "...sie nennen es Hoffnung".

Ihre Hand blieb routinierend auf dem silbernen Kreis im Himmel ruhend, jedoch zu ihrer absoluten Erschütterung fühlte sie es nicht an der Spitze ihrer Finger. Eine Grimasse bildete sich in ihrem Gesicht. Augenbrauen rissen vor Schock nach oben, Wasser bildete sich an den Rändern ihrer Augen und fast wäre sie überwältigt worden von dem Schwall an altbekannten und doch so neuen Gefühlen, die aus der Leere in ihrem Inneren herausbrachen. Sie machte einen torkelnden Schritt nach vorne und sah sich ein erneutes Mal um. Es fiel ihr schwer sich zu konzentrieren, aber sie wusste, dass sie es genau jetzt am Dringensten brauchte. SIe schüttelte den Kopf wild und ein Zittern ging von verrosteten Nerven aus, überwältigte eine Maschinerie, die Aktivität nicht mehr gewohnt war. Ein rasender Schmerz fegte durch ihr Gehirn, betäubte eine stupsige Nase und einen Mund mit dicklichen Lippen. Sie fasste sich stöhnend mit beiden Händen an die Seiten ihres Kopfes und versuchte die neuen Eindrücke zu verscheuchen, die sie zu überwältigen drohten. Julia riss ihre Augen weiter auf als sie sich deren Existenz bewusst wurde und fürchtete fast, dass sie herausfallen würden, wenn sie sie nur nicht baldigst schließen konnte. Ein Mond strahlte auf sie herab, aber mehr noch als vorher konnte sie ihn mit mehr als einer dumpfen Ahnung ausmachen. Julia sammelte ihre Gedanken und vertrieb die Eindringlinge wieder, verdrängte alles, was nicht ihr Blick auf den Mond war. Es trat keine Ruhe in ihr ein, nur ein Verlangen wechselte sich mit dem nächsten ab. Sie trottete einen Schritt voran, dann einen zweiten und wurde immer schneller. Ihre Arme wedelten herum, stützten sich an den Wänden ab und hinterließen ein kühles Gefühl auf ihren Händen, dass so schnell ausbrannte wie es gekommen war. Julia hechtete immer mehr, humpelte und stolperte bei jedem Schritt. Die Gefühle in ihrem Beinen verschwanden wieder, leuchteten nur auf wenn ein weiterer Fuß auf dem Boden aufkam. Ihr Kopf leerte sich zunehmend und immer da, wo eine alte Erinnerung aufgekommen war, verblieb nur ein Gefühl von dumpfen Frostbrand. Als wäre etwas gewesen und jetzt...weg. Julia bekam zunehmend Probleme sich an Worte und Gegebenheiten zu erinnern, aber wo sie sich damals irgendwo auf dem Weg damit abgefunden hatte, war sie jetzt nicht mehr bereit dazu. Sie verlor den Weg aus den Augen und rannte in einen gediegen gekleideten Mann mit kleinem, sanft gezwirbelten Schnurrbart, dem vor lauter Schreck die längliche Pfeife aus dem Mund fiel. Nicht auf ihn achtend stieß sie ihn beiseite und torkelte weiter an die nächste Wand. Ihre Hände wischten nervös über die Oberfläche und fühlten nichts mehr. Ihre Tränen waren zu kleinen Kügelchen herangewachsen und mit einem letzten Stößlein lösten sie sich von ihren Augenrändern und kullerten an ihren aschfahlen Wangen herab. Julias Arme knickten kraftlos ein und sie fiel gen Oberfläche, die lautlos nachgab und sie vor schwarzen Steinstufen niederknien ließ. Julia japste aufgelöst. Jedes Zuckern ihres Kopfes nach vorn, shcickte ein Zittern durch ihren Körper, die schneller als nötig wieder merkbar verschwanden. Wassertröpfchen fielen auf den Boden direkt unter ihrem Kopf und benetzten den Steinboden mit kleinen Pfützchen, aber alles was sie wusste war, dass sie sich unglaublich traurig fühlen musste, dass sie nicht bestimmen konnte, woher das Wasser gekommen war. Sie versuchte sich zu beruhigen, sich beim Namen zu nennen und an ihr Durchhaltevermögen zu appellieren, dass sie überhaupt bis hierhin gebracht hatte. Aber sie wusste ihren Namen nicht. Sie richtete sich ein letztes mal auf und stand mit geknicktem Kopf im Eingang des Treppenhauses. Das Zittern in ihren Gliedern und dem Rest ihres Körpers verschwand mit dem Wissen, dass diese Dinge existierten. Alles was da war waren die Treppen und der Mond, sowie die Wassertropfen die unerklärlicherweise immer öfter und stetiger vor ihre Füße fielen. Das dürre Wesen blickte auf und folgte dem Geländer um die Ecke einer gerundeten Säule, die bis an die Spitze des erkennbaren Raumes führte und irgendwo in der Unkenntlichkeit endete. Bevor sie sich dessen bewusst war, hatte sie die erste Treppenstufe erklommen und beschlossen auch den Rest hinter sich zu bringen. Ihr Kopf leerte sich umso höher sie stieg, Bilder an die sie sich immer geklammert hatte, wurden blass und verschwanden. Alles was blieb war das Bild des Mondes. Und ihr Schatten, der ihr folgte. Weitere Stufen später als der Silbermond wieder durch ein Fenster des bestiegenen Turmes schien, hatte das Wesen jeglichen Ballast auf den Stufen zurückgelassen. Sanft hob sie ihre zierliche Hand und griff nach dem Mond, der weiter außerhalb ihrer Reichweite blieb. Sie wollte noch näher kommen, wollte das Licht ein letztes Mal ergreifen und sich versichern, dass es da war. Sich versichern, dass sie da war. Blaue Vorhänge tanzten sanft in einem unsichtbaren Windhauch als das Fenster sich öffnete und spielte noch weiter mit den Zipfelchen ihres grauen Kleides, als sie sie auf das Fensterbrett gestiegen war, den Arm noch immer gen der Quelle ihrer Begierde ausgestreckt. Der Mond blieb ein Stückchen außerhalb ihrer Reichweite, unerreichbar und doch so nah. Ohne sich darum zu scheren sich am Fensterahmen festuzhalten, richtete sie sich auf und starrte gebannt in den Himmel. Julia nahm einen langen Atemzug und machte dann einen letzten Schritt in Richtung des Mondes.

Schlieren lösten sich von dem zerbrochenen Leib der hageren Frau, verflüchtigten sich im ewigen Nachthimmel Victorias. Sie hatte schöne Augen gehabt, bemerkte Nicolas und zwirbelte seinen kurzen Bart gedankenverloren. Vielleicht war sie einmal sehr schön gewesen. Irgendwann bevor ihre Gleider sich unmöglich verdreht und die Tränen sich in ihr Gesicht gestohlen hatten. Manche, jene die zu viel ihrer Menschlichkeit verloren hatten, begannen kurz vor dem Ende zu halluzinieren und Dinge zu sehen, die nicht existierten. Sie stiegen rauf auf Dächer und Türme, liefen über den Rand des Piers oder mitten in Eines der Portale und stürzten sich in ihrem letzten Tod. Sie nannten es Mondkrankheit. Nicolas strich sich durch die glatten Haare und schaute in die mondlose Dunkelheit über der Stadt und ließ seinen Blick über die Dachetagen schweifen, aus denen sie möglicherweise gesprungen sein konnte. Die allesamt verschlossenen Fenster reflektierten das Licht der Straßenlaternen und doch musste kurzzeitig stutzen. Er hätte für einen Moment schwören können, dass ein Schatten zurückschaute.

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